II. Das Mittelalter

Copyright Daniel Kaller



1. Theologie und Rechtsprechung

In den religiösen Vorstellungen der Antike spielten die Götter im Alltagsleben eine wichtige Rolle. Die Griechen glaubten, die Götter seien allgegenwärtig, mischten sich ins Alltagsleben, aber auch in die Kriege ein und legten großen Wert auf die ihnen gebührende Verehrung. Auch im antiken Rom kam den Göttern große Bedeutung zu. Wichtig waren hier vor allem die Laren. Diesen Schutzgeistern oblag anfangs der Schutz über die Ernte, über Häuser, Straßen und Städte. Später wurde ihnen auch der Schutz über die Familie anvertraut.

Von den religiösen Vorstellungen der Antike beeinflusst, war auch im gesamten christlich geprägten Mittelalter nicht der Mensch das Maß aller Dinge: Gott war Anfang, Mitte und Endpunkt des menschlichen Lebens und er war in alle Bereiche des Lebens eingebettet. Daher waren auch die Gerichtsbarkeit und Religion, anders als heute im europäischen Raum, auf das Engste miteinander verwoben. Beim Vollzug der Todesstrafe und anderer extrem grausamer Strafen stand weniger die Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Ordnung (Generalprävention) im Mittelpunkt, sondern der Mensch fürchtete vielmehr die Rache Gottes, die nicht nur den Übeltäter, sondern vielleicht auch Unschuldige - und in letzter Konsequenz die gesamte Gesellschaft - treffen konnte. So heißt es beispielsweise im 2. Buch Mose 20, Vers 5: "Denn ich, der Herr, dein Gott bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation." Daher wurde es als notwendig angesehen, den Verbrecher Gott zu opfern, um die göttliche Ordnung wieder herzustellen und seiner Rache zu entgehen.

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2. Fehden und Landfrieden

In der fränkischen Zeit kam es zum massenhaften Auftreten gesatzten und geschriebenen Rechts, das vom Willen eines Gesetzgebers getragen war. Die Aufzeichnung germanischer Stammesrechte begann um 475 mit dem westgotischen Codex Euricianus und erreichte auf dem Aachener Reichstag um 802 einen vorläufigen Höhepunkt und Abschluss. Diese Stammesrechte sollten die Sippenfehden eindämmen helfen, die direkt zu bekämpfen kaum möglich war. Einen indirekten Weg bot die kasuistische Festsetzung endloser Bußgeldkataloge, in denen für jedes Körperglied, jedes denkbare Objekt einer Sachbeschädigung oder eines Diebstahls eine besondere Buße festgesetzt wurde.

Die Sippenfehde zu beseitigen, gelang aber nicht. Da Verbote durch Königsgesetze meist wirkungslos waren, versuchten fränkische Stammesrechte, den Kreis der Fehdeberechtigten einzuschränken und gewisse Racheakte zu verbieten. Sie begannen, einen Zwang zur Fehdesühne auszuüben. Nichtzahlung öffentlich gelobter Buße konnte zur Ächtung führen. Aus den alten volksrechtlichen Entsühnungsriten hat sich die Todesstrafe als rein staatliche Vergeltungsmaßnahme entwickelt. Es waren aber alle peinlichen Strafen, auch die Todesstrafe, mit verschwindenden Ausnahmen ablösbar.

Die Herstellung einer Friedensordnung auf Erden wurde über die Person des Herrschers hinaus als Aufgabe aller Christen gesehen und zeigte sich in der Landfriedensbewegung des 11. und 12. Jahrhunderts. Die Landfrieden waren auch die eigentlichen Schöpfer des "peinlichen" Strafrechts, d.h. der "Blutgerichtsbarkeit". Sie richteten sich nicht nur gegen die Fehden der Ritter, sondern auch gegen die fortwährend anwachsende Kriminalität der "landschädlichen Leute", strebten also nach der Herstellung einer völligen Friedensordnung. So wurden sie bald zu echten Strafgesetzbüchern und damit zu Vorläufern der "Halsgerichtsordnungen", die in den einzelnen deutschen Territorialstaaten ab dem 16. Jahrhundert erlassen wurden. Zugleich sahen sie in immer steigendem Maße Leibes- und Todesstrafen vor.

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3. Rechtswillkür und Öffentlichkeit

Ausdrückliche (Straf-)Bestimmungen wurden jedoch oft nicht eingehalten. Selbst wenn sie im Einzelfall existierten, wurde oft "nach Gestalt der Sache" und "nach Gelegenheit" bestraft. Eine Rolle spielten dabei die Person des Missetäters, seine soziale Stellung, die Menschen, die für ihn um Gnade baten, die näheren Umstände der Tat und des Verfahrens. Manche Stadtrechte gewährten dem Rat die Befugnis, nach dessen Willkür zu bestrafen, wobei Willkür im damaligen Sinn nicht als völlige Regelfreiheit verstanden werden darf. Es ging vielmehr um das gewillkürte, also auf dem Willen des Rates beruhende Recht - die Ratsherren entschieden einvernehmlich, wie Probleme zu lösen sind. Beispielhaft zu erwähnen ist hier das Stadtrecht von Aschersleben, der ältesten urkundlich erwähnten Stadt Sachsen-Anhalts. Vom Ascherslebener Rat selbst wurde die niedere Gerichtsbarkeit gesprochen. Sie wurde durch die Ascherslebische Willkür, einem Statut der Stadt, begründet. Bereits im Jahre 1377 erließ der Rat mit der Bürgersprache und dem gemeinsamen Burding eigene Verordnungen. Im 15. Jahrhundert erließ der Rat dann selbst seine Verordnungen, welche das Leben in der Stadt regelten Erst der erstarkende Territorialstaat band auf seinem Weg zum absoluten Staat den Richter in immer stärkerem Maß an genau festgelegte Tatbestände und Strafdrohungen des Gesetzes.

Auch die Öffentlichkeit des Verfahrens wurde damals in einem anderen Sinn verstanden als heute: Während sie heute dazu dienen soll, richterliche Willkürakte in Form gesetzeswidriger und sachfremder Entscheidungen zu verhindern, waren Strafverfahren und -vollzug im Mittelalter und in der Neuzeit öffentlich, weil Analphabetismus weit verbreitet war. Die Öffentlichkeit war also die einzige Möglichkeit für die Menschen, vom Recht Kenntnis zu erlangen.

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4. Todesstrafen

Strafen des Mittelalters waren sog. "spiegelnde Strafen", d.h. die Tat des Verbrechers sollte sich in der Strafe widerspiegeln. Dabei galten heimlich begangene Delikte als verwerflicher als offen begangene. Die Straf- und Hinrichtungsarten differierten daher je nach Delikt und sozialem Stand. So galt das Hängen als Strafe für Unehrliche, weil der Henker, der in der sozialen Hierarchie auf der untersten Stufe stand, den Delinquenten bei der Hinrichtung berührte. Die Enthauptung galt hingegen nicht als entehrende Strafe, sodass sie lange den Adeligen vorbehalten blieb, wie z.B. 1268 in Neapel Konradin von Hohenstaufen, dem Sohn der Elisabeth von Bayern und des deutschen Königs Konrad IV. Er war der letzte legitime männliche Erbe des Kaiserhauses der Staufer. Hingerichtet wurde entweder mit dem Beil oder mit dem Schwert. Das Beil war das älteste Hinrichtungsinstrument unseres Kulturkreises und findet sich bereits in römischer Zeit als Machtsymbol der Liktoren, die auch Enthauptungen sozial höher Gestellter durchführten. Schon in den Zeiten, in denen nach altgermanischem Standesrecht der oder die Geschädigte das Todesurteil am Rechtsbrecher selbst vollziehen musste, geschah dies, indem die scharfgeschliffenen Schneide der Barte (ein beilartiges Instrument) auf den Hals des auf dem Block liegenden Kopfes gelegt wurde. Der Vollstrecker oder die Vollstreckerin brauchte nur noch mit einem Schlag eines hölzernen Schlegels die Enthauptung zu vollziehen [Koch 1988, S. 9]. Das Beil wurde in Frankreich und den Mittelmeerländern vorgezogen, das Schwert bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Mittel- und Nordeuropa [Held 1991, S.28). In England wurde seit der Zeit der römischen Eroberung durch Cäsar, mit der auch die Liktoren in die unterworfenen Städte kamen, bis König Georg III. (1813) allein mit dem Beil hingerichtet. Aber auch in Ländern, in denen eine zeitlang mit Strick oder Schwert vollstreckt wurde, kehrte man später zum Beil zurück, z.B. in Russland. Preußen schrieb seinem Scharfrichter sogar erst 1811 das Beil vor, kurz bevor es in England abgeschafft wurde. Die erst vereinzelt in Italien, später dauernd während der Französischen Revolution gebrauchte Guillotine setzte sich im übrigen Europa kaum durch [Koch 1988, S 9f]. Vorgängerformen der Guillotine waren die "Schottische Jungfrau", die von 1564 bis 1708 für Hinrichtungen in Schottland eingesetzt wurde und die italienische "Mannaia".

Weitere damals übliche und extrem grausame Strafen waren Rädern, Verbrennen, Ertränken, lebendig begraben, Pfählen, Sieden, das Reißen mit glühenden Zangen und Vierteilen. Das Rädern war eine Strafe, die für Straßenräuber vorgesehen war, der Sachsenspiegel kannte diese Bestrafung aber auch für Mord und Mordbrand. Dabei wurden einem Delinquenten mit einem Rad zuerst von unten her die Knochen zerschlagen, später auf den Kopf oder den Hals gezielt. Gnadenweise durfte der Henker mit einem Schlag auf die Brust beginnen. Zur Erleichterung der Arbeit des Henkers wurden dem Verurteilten oft Keile unter den Körper gelegt, damit die Knochen leichter brachen. Danach wurde der zerschundene Körper in die Speichen eines Rades geflochten. In Frankreich war es üblich, dem zu Rädernden nicht mit dem Rad, sondern mit einer Eisenstange die Knochen zu brechen.

Durch das Verbrennen sollte jede Spur des Täters ausgelöscht werden. Die Hinrichtung war daher erst mit dem Verstreuen der Asche beendet. Als Ketzer auf dem Scheiterhaufen starben sowohl Jan Hus 1415 [siehe Koch, S 45ff]. als auch Johanna von Orleans 1431.

Das Ertränken war eine Strafe, die vor allem an Frauen vollstreckt wurde, z.B. 1435 an Agnes Bernauer, der Geliebten und vielleicht 1. Ehefrau des bayrischen Herzogs Albrecht III. Durch diese nicht standesgemäße Verbindung geriet der Herzog in einen Konflikt mit seinem Vater Ernst, der sie 1435 in der Donau ertränken ließ. 1516 wurden mit der Bambergischen Halsgerichtsordnung und 1532 mit der Peinlichen Gerichtsordnung Kaiser Karls V. besondere Vorschriften für Kindsmörderinnen eingeführt. Die übliche Strafe, die auf Kindsmord stand, war auch hier das Ertränken. Doch um der Häufung der Kindsmorde vorzubeugen, wurden Strafen wie das Pfählen, das Lebendig-Begraben oder das Auseinanderreißen des Körpers mit glühenden Zangen zur Abschreckung vorgesehen.

Das Lebendig Begraben wurde auch bei Ehebrechern angewandt und steht mit dem Pfählen in engem Zusammenhang. Dem Verurteilten wurde nämlich oft ein Pfahl durch den Körper getrieben, um ein Wiederkehren des Toten zu erschweren.

Die Peinliche Halsgerichtsordnung Karls V. sah den Verbrennungstod für den Fälscher vor, auch das Sieden in Öl war eine durchaus übliche Bestrafung. Die Falschmünzerei wurde nicht als Delikt gegen den Geldverkehr wie heute, sondern als Angriff auf die Münzhoheit des Münzherren und damit als Majestätsbeleidigung gesehen.

Das Reißen mit glühenden Zangen war einerseits eine Art der Todesstrafe, andererseits als Strafverschärfung gedacht [Schild, 2003, S. 206].

Das Vierteilen war manchmal die Strafe bei politischen Delikten, der vorwiegend Verräter, sowohl des Landes als auch der privaten Freunde, zum Opfer fielen. In Großbritannien etwa war diese Strafe bis ins 19. Jahrhundert für Verrat am König vorgesehen. 1305 wurde sie etwa am schottischen Freiheitskämpfer William Wallace vollzogen. Im Zusammenhang mit Attentaten auf den französischen König ist das Zerreißen durch Pferde bekannt geworden [Schild, 2003, S. 206f], siehe die Hinrichtung von Robert Francois Damiens im Jahre 1757, der versucht hatte, Ludwig XV. zu töten.

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5. Die Inquisition des Mittelalters

Eine Einrichtung, die in der Neuzeit wesentlich an Bedeutung gewinnen sollte, nahm im Mittelalter ihren Anfang: die Inquisition. Ursprünglich diente diese Prozessform der erleichterten Aufspürung, Bekehrung oder Verurteilung von Häretikern, entwickelte sich im Spätmittelalter aber zur vorherrschenden Prozessform in der kirchlichen und weltlichen Gerichtsbarkeit. Anfangs waren im Inquisitionsverfahren aber weder Todes- noch Leibesstrafen vorgesehen: die Verurteilten mussten zumeist Büßergewänder tragen oder wurden zu Wallfahrten verurteilt. Die härteste Strafe war eine Wallfahrt nach Konstantinopel. Vor Einführung der Inquisition stand der Kirche nur die Möglichkeit der Exkommunikation von Häretikern zur Verfügung, später wurden sie oft vertrieben, z.B. Petrus Valdes, der Begründer der Waldenserbewegung, ca. 1183, oder zu Klosterhaft und ewigem Schweigen verurteilt, z.B. Petrus Abelardus 1141.

Weil die Laienbewegungen aber immer weiter zunahmen und mit den herkömmlichen Strafen nicht mehr das Auslangen gefunden werden konnte, wurde ein neues Verfahren entwickelt und eine neue Behörde geschaffen: das Inquisitionsverfahren und die Inquisitoren. Sie übernahmen die Aufgaben von den Bischöfen, weil diese den Untersuchungen der Inquisitionsfälle nur mangelhaft nachkamen. 1227 wurden von Papst Gregor IX. Sondergesandte nach Deutschland geschickt, um nach Häretikern zu fahnden. Damit war die bischöfliche Inquisition zu einer päpstlichen geworden.

Mit dem Edikt Kaiser Friedrichs II. Cum ad conservandum statuierte es 1224 die höchste weltliche Gewalt als ihre von Gott verliehene Pflicht, zum Schutz des Glaubens gegen Häretiker vorzugehen und überführte Häretiker dem Feuer zu übergeben oder auf andere Weise (wie dem Herausschneiden der Zunge) zu bestrafen. 1231 ordnete Papst Gregor die Verbrennung hartnäckiger Ketzer im Inquisitionsprozess an. 1252 genehmigte Papst Innozenz IV. die Folter zur Wahrheitsfindung - mit der formalen Einschränkung, dass die Betroffenen keine bleibenden körperlichen Schäden erleiden durften, wobei die Delinquenten gemäß dem kirchlichen Grundsatz "ecclesia non sitit sanguinem" ("Die Kirche dürstet nicht nach Blut") zur Durchführung der Folter und später der Bestrafung der weltlichen Gerichtsbarkeit übergeben wurden.

Selbst die Zulassung der Folter hatte eine religiöse Begründung: Die Menschen der damaligen Zeit waren oft davon überzeugt, dass die Betroffenen vom Teufel besessen waren. Die Zufügung von Schmerzen sollte erstens den Teufel dazu bewegen, den Körper des Besessenen zu verlassen. Zweitens sollte die Androhung der Folter den Besessenen in seinem Willen stärken, gegen den Teufel anzukämpfen.

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6. Blutgesetzgebung

Zur theologischen Begründung der Folteranwendung kamen etwa seit dem 14. Jahrhundert auch praktische Bedürfnisse der Verbrechensbekämpfung hinzu. Die Auflösung alter Stammes- und Sippenstrukturen hatte zu sozialer und auch örtlicher Mobilität geführt, mit der auch eine verstärkte Kriminalitätsentwicklung einherging. Verarmende Ritter, umherziehende Landsknechte, wandernde Handwerksburschen, Gaukler, Bettler und sonstiges fahrendes Volk machten die Landstraßen unsicher, Raubüberfälle und Morde waren an der Tagesordnung. Die sogenannten "landschädlichen Leute" bildeten teilweise organisierte Verbrechensnetzwerke, die sich mehr und mehr zu einer allgemeinen Landplage entwickelten. Sie bedrohten Handel und Wandel und damit die Grundlagen des Wohlstandes vor allem in den Städten, für die die Bekämpfung der Kriminalität daher zu einer Lebensnotwendigkeit wurde.

Auch die englische Blutgesetzgebung des 16. Jahrhunderts reagierte auf das Problem des Bettler- und Vagabundentums, das seine Wurzeln in sozialen und wirtschaftlichen Umbrüchen der Zeit hatte. Die den Friedensrichtern zustehenden drastischen Zwangsmassnahmen sahen neben Auspeitschungen, Folter oder Verstümmelungen auch die Todesstrafe vor [Kircheisen, 1989, S. 97].

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7. Literatur

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2007/08 © AI-Netzwerk gegen die Todesstrafe, 1150 Vienna, Austria