I. Die Antike

Copyright Martin Schneider



1. Antikes Strafrecht und die Todesstrafe

Antike Kulturen erscheinen heute in vieler Hinsicht faszinierend, in ihren Denktraditionen, religiösen und rechtlichen Vorstellungen aber auch sehr fremd. Es wäre verfehlt, über das Denken und Handeln des antiken Menschen vor dem Hintergrund des modernen Menschenrechts zu urteilen. Denn die kulturellen Rahmenbedingungen waren andere als heute. Dennoch lieferten v.a. der römische, der griechische und der jüdische Rechtskreis wichtige Wurzeln für die Entwicklung des europäischen Rechts bis in die Gegenwart. [Schiemann 2012a]

Die Todesstrafe ist vermutlich genauso alt wie die ältesten menschlichen Gemeinschaften. Gesicherte Kenntnisse über ihre Ausübung geben archäologische Funde, v.a. aber überlieferte Gesetzestexte und historische Berichte seit Aufkommen der Schrift.

Die schriftliche Fixierung von Gesetzen bedeutete ungeachtet vieler aus heutiger Sicht sehr brutal erscheinender Vorschriften für die Menschen des jeweiligen Kulturkreises ein hohes Maß an Rechtssicherheit. Dies gilt ebenso für die allmähliche Verlagerung der Strafgewalt. Viele antike Staaten besaßen in früherer Zeit zunächst kein Strafmonopol und wurden im Strafrecht erst bei Verletzung von Gemeinschaftsgütern oder bei Landes- und Hochverrat tätig. Stattdessen wurde die Strafgewalt im privaten Bereich zunächst von der Familie/Sippe des Opfers, bzw. des Täters wahrgenommen, was nicht selten blutige Fehden zur Folge hatte. Im Zuge der Weiterentwicklung der Rechtssysteme wurde die Strafgewalt dann an staatliche Instanzen übertragen. Diese handelten nach einem überindividuellen Maßstab, der sowohl göttlichen als auch weltlichen Ursprungs sein konnte. [vgl. Schiemann 2012a]

Bei einem genaueren Blick auf die Praxis der Todesstrafe wird deutlich, dass sie bereits in der Antike von problematischen Faktoren begleitet war, die auch heute noch allzu gut bekannt sind: ihr Einsatz zur angeblichen Abschreckung von Straftaten, zur Herstellung von Gerechtigkeit und die Gefahr des Machtmissbrauchs.

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2. Das alte Ägypten

Bis zur Eroberung durch Alexander den Großen (356 - 323 v. Chr., seit 336 v. Chr. König von Makedonien) wurde Ägypten seit dem 3. Jahrtausend v. Chr. von insgesamt 31 Herrscherdynastien regiert, an deren Spitze der Pharao stand.

Das ägyptische Recht war religiös basiert. Seine Grundlage war die "maat", die göttlich geschaffene Ordnung nach Erschaffung der Welt. Die "maat" bezieht sich sowohl auf die kosmische, als auch auf die staatliche und soziale Ordnung. Sie wurde von Weisen aus den Geschehnissen der Welt abgelesen. Die Verwirklichung der "maat" war Aufgabe des Pharaos, der somit der oberste Richter war. Der Mensch musste die "maat" erkennen und im Leben befolgen. Daher galten Rechtsverstöße zugleich als religiöse Sünde.

Neben Körper- und Todesstrafen kannte das ägyptische Strafrecht auch das Ziel der Wiedergutmachung. Bei schweren Körperstrafen mussten der Pharao oder der Wesir zustimmen. Bekannte Körper- und Leibesstrafen waren die Prügelstrafe, die Verstümmelung und die Tötung des Verurteilten. Für Königsmord und die Plünderung von Königsgräbern drohte dem Täter die Pfählung. Abhängig vom gesellschaftlichen Status und auch vom Geschlecht des/der Verurteilten konnte die Art einer Hinrichtung variieren. So kannte man bei Ehebruch im Mittleren Reich zwar für beide Partner die Todesstrafe, wobei aber für die Frau immer die Verbrennung vorgesehen war. Zum Tode verurteilten hohen Persönlichkeiten konnte die Gnade des Selbstmordes gewährt werden. [vgl. Neumann/Römer/Schiemann 2012]

Ägypten stand in seiner langen Geschichte mehrfach unter Fremdherrschaft und kam somit auch mit den Rechtsvorstellungen anderer Völker in Kontakt. Im hellenistischen Ägypten nach der Eroberung durch Alexander den Großen zeigte sich etwa, dass nun der Strafvollzug nach einem Urteil durch staatliche Institutionen durchgeführt wurde und der Kläger sie nicht mehr - wie bisher - in eigener Macht ausüben konnte. [LAK 2, S. 163]

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3. Der alte Orient

Der "alte Orient" bezeichnet den geographisch-historischen Raum Vorderasiens in vorhellenistischer Zeit, also vor den Eroberungszügen Alexanders des Großen. Seit etwa 3000 v. Chr. war dieses Gebiet die Heimat verschiedener Hochkulturen wie der Sumerer, Babylonier, Assyrer, Elamiter, Churriter oder Hethiter, die ausgeprägte Rechtssysteme besaßen. Das Recht des sumerisch-babylonisch-assyrischen Kulturraumes wird "Keilschriftrecht" genannt, da die aufgefundenen juristischen Dokumente in Keilschrift abgefasst sind. Recht und Gerechtigkeit herzustellen galt als göttlicher Auftrag an den Herrscher. Somit fungierte er als höchster Richter und die Verfolgung von Kapitalverbrechen wie Mord, Tötung und Raub oblag sehr wahrscheinlich dem Staat. [Neumann/Römer/Schiemann 2012] Auf unterer Ebene übernahmen Stadtälteste und Priester die Aufgabe des Richters. In späterer Zeit sind auch Berufsrichter bekannt.

Durch Sammlung von Urteilen versuchte man Rechtsnormen zu setzen. Auf diese Weise entstanden viele verschiedene Rechtssammlungen: z.T. auf Stelen zur öffentlichen Information über das geltende Recht, z.T. als Kopie auf Tontafeln für den praktischen juristischen Gebrauch. König Urukagina (gest. 2371 v. Chr.) aus der Stadt Lagasch (heute Ruine, Südirak) knüpfte mit dem aus seiner Zeit überlieferten juristischen Reformprojekt an bereits ältere Sammlungen an. Auch König Urnammu (2112 - 2095) aus dem mesopotamischen Ur hinterließ einen Gesetzes-Codex, der zwar schon im 19. Jahrhundert gefunden, aber erst 1952 als solcher erkannt worden ist. Aus der Zeit um 1700 v. Chr. ist eine Gesetzessammlung aus Eschunna (nahe dem heutigen Bagdad) bekannt. Etwa zur gleichen Zeit entstand die Sammlung aus Isin (heute Ruine, Südirak). [vgl. Eisele, 2006, S. 208 - 209]

Die wohl berühmteste Sammlung ist jedoch der in eine Dioritstele eingemeißelte Codex des altbabylonischen Königs Hammurabi (1728 - 1686 v. Chr.), der 282 Rechtssätze enthält. Sie wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei Ausgrabungen entdeckt. Die sehr sorgfältig gearbeitete Stele ist bis auf wenige abgebrochene Teile vollständig erhalten und diente dem Zweck, dass sich alle Einwohner über das herrschende Recht informieren konnten. Sie griff auf die lange Rechtstradition des altorientalischen Raums zurück, bietet jedoch keine systematische Ordnung der Rechtsfälle. Alle erhaltenen Rechtssätze sind nach dem Schema aufgebaut, dass zunächst der Rechtsfall und im Anschluss das Urteil, bzw. die Strafe genannt wird. Dem Codex liegt das Vergeltungsprinzip (Talion) zugrunde. Er regelt unterschiedlichste Fälle des Zivil- und Strafrechts. Die Urteile sehen in vielen Fällen Schadensersatzleistungen und Erbschaftsregelungen vor, häufig werden aber auch Körperstrafen wie das Abschneiden der Hände oder der Ohren [vgl. §§ 193 - 197, 200, 205, 218, 226, 253 oder 282] und die Todesstrafe erwähnt. [vgl. King, 1915]

Die Hinrichtung drohte etwa dem Ankläger für Mord [§ 1] und Zauberei [§ 2], der seine Beschuldigung nicht beweisen konnte, für falsche Zeugenaussagen [§ 3], Verleumdung [§ 11, 132], verschiedene Fälle von Diebstahl und Raub [§§ 6, 7, 9, 10, 14, 15, 19, 22, 25, 34], Betrug [§§ 108, 109], verschiedene Fälle von Mord, Totschlag [116, 210], Vergewaltigung [§ 130], Ehebruch [§ 155] oder Inzest [§157]. Sofern ein Gebäude durch Fehler des Baumeisters einstürzte und den Bewohner erschlug, war auch für den Baumeister die Todesstrafe vorgesehen. [§ 229] In dem Falle, dass das Kind des Hausherrn durch den Einsturz umkam, wurde ebenfalls ein Kind des Baumeisters getötet.[§ 230]

Aus dem altorientalischen Rechtsraum sind sogar Fälle bekannt, in denen die Todesstrafe ausdrücklich im Vertragsrecht vorgesehen war. Jedoch sagt der Codex Hammurabi in nicht allen Fällen etwas über die Art des Hinrichtungsvollzugs. Die traditionell bekannten Hinrichtungsarten waren das Pfählen, Verbrennen, Ertränken und Köpfen. [Neumann/Schiemann 2012a] Mit der Todesstrafe konnten im alten Orient auch weitere schwere Folgen für die Familie des Verurteilten verbunden sein, die nicht auf deren Hinrichtung hinauslief: Mitunter konnte das Eigentum des Verurteilten der Familie des Opfers zugesprochen werden. Ebenso konnte die gesamte Familie versklavt und der Familie des Opfers übergeben werden. [Neumann/Schiemann 2012b] Diese Familienhaftung erfüllte die Funktion des Schadensersatzes und zum anderen erhöhte sie den Druck auf jeden Bürger, sich rechtskonform zu verhalten, um ggf. auch seiner Familie solche Konsequenzen zu ersparen.

Durch friedliche Kulturkontakte sowie kriegerische Eroberungen vergrößerten die genannten Völker und Staaten nicht nur ihr Einflussgebiet, sondern vermittelten auch ihre Rechtsvorstellungen. So kann es nicht wundern, dass die orientalischen Grundsätze auch im alten Israel wiederzufinden sind, auf welche der - historisch durchaus umstrittene - Moses zurückgreifen konnte. [Eisele, 2006, S. 207 - 208]

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4. Hinrichtungen unter den persischen Großkönigen

Viele überlieferte Texte geben ein Bild von den drakonischen Vergeltungsstrafen, die im orientalischen Raum angewandt wurden. So erwähnt der griechische Geschichtsschreiber Herodot (485 - 424 v. Chr.) die Bestrafung eines bestechlichen Richters am Hofe des persischen Großkönigs Kambyses II. (530 - 522 v. Chr.). Er berichtet über "... Otanes, dessen Vater Sisamnes, einen der königlichen Richter, der König Kambyses hatte hinrichten und dann ihm die ganze Haut abziehen lassen, weil er ein ungerechtes Urteil um Geld gesprochen hatte; aus der abgeschundenen Haut hatte dann Kambyses Riemen schneiden und in den Stuhl einfügen lassen, auf welchem jener saß, wenn er Recht sprach. Und nachdem Kambyses dies getan ernannte er an die Stelle des Sisamnes, den er hatte hinrichten und dem er die Haut hatte abziehen lassen, zum Richter den Sohn des Sisamnes mit der Weisung, er solle eingedenk sein, auf welchem Stuhl er sitze und Recht spreche." [Herodot V, 25]

Kambyses Nachfolger Dareios I. (522 - 486 v. Chr.) musste zu Beginn seiner Amtszeit zunächst mehrere Aufstände niederwerfen, um seine Herrschaft zu sichern. Niederwerfung und Bestrafung der Aufständischen, die er als "Lügenkönige" bezeichnete, wurden in einem imposanten, zu Propagandazwecken dienendem Felsrelief bei Behistun festgehalten, das 2006 auch in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen wurde. Die sogenannten "Lügenkönige" wurden wegen Hochverrats bestraft. Einer von ihnen war Fravartis. Dareios berichtet: "... Fravartis wurde gefangen genommen und zu mir geführt. Ich schnitt ihm Nase, Ohren und Zunge ab und stach ihm ein Auge aus. Ihn hielt man gebunden an meiner Türe fest (und) das ganze Volk sah ihn. Darauf ließ ich ihn in Ekbatana pfählen. Und den Männern, die seine vornehmsten Gefolgsleute waren, ließ ich (die Haut) abziehen, in Ekbatana, in der Festung (und) hängte sie aus." [zitiert nach: Dandamayev, 1976, S. 248]

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5. Das alte Israel

Das Volk Israel umfasste die 12 Stämme Aser, Benjamin, Dan, Gad, Issakar, Joseph, Juda, Levi, Naphtali, Ruben, Simeon und Zabulon, die westlich und östlich des Jordan siedelten. Nach alttestamentlicher Überlieferung wurde das Volk Israel von Gott Jahwe unter der Führung Moses' aus der ägyptischen Sklaverei geführt. Sowohl die Person des als Prophet und Gesetzgeber fungierenden Moses als auch die Flucht aus Ägypten sind historisch umstritten. Unter König Saul (reg. um 1020 - 1004 v. Chr.) schlossen sich die Stämme politisch zusammen. 926 v. Chr. - nach dem Tode König Salomos (965 - 926 v. Chr.) - spaltete sich das Reich in einen Nordstaat, der ebenfalls den Namen Israel trug, sowie in den Südstaat Juda.

Ähnlich wie in anderen Kulturen war auch das jüdische Recht eng mit der Religion verbunden: Jahwe galt als Gott der Gerechtigkeit, der auch in seinem auserwählten Volk Recht und Gerechtigkeit verwirklicht sehen wollte. Der nach der Überlieferung am Berg Sinai geschlossene Bund zwischen Gott und seinem Volk weist Ähnlichkeiten zu Vasallenverträgen des alten Orients auf. [vgl. Demandt, 1995, S. 82] Heißt es im ersten Gebot: "Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir." [2Mo 20, 2 - 3], so musste sich ein Vasall im altorientalischen Kulturraum verpflichten, keinen anderen König anzuerkennen. Der König wiederum war verpflichtet, den Vasallen zu schützen. Im Bund übernimmt Gott diese Aufgabe.

Die Zehn Gebote, die Moses der biblischen Überlieferung nach von Gott am Berg Sinai empfangen hat, waren die Grundlage des jüdischen Rechtes. Das Alte Testament gibt sie in leicht variierenden Versionen gleich an zwei Stellen wieder, was ihre Wichtigkeit hervorhebt. [2Mo 20, 2 - 17 und 5Mo 5, 6 - 21] Auf ihnen basiert die gesamte weitere Gesetzgebung, wie sie etwa in 2Mo 21,1 - 23,19 und 5Mo, 12 - 26 beschrieben wird.

In frühester Zeit oblag es den Hausvätern, Recht über ihre Familie und das Gesinde zu sprechen. [1Mo 38,24] 5Mo berichtet von der späteren Einsetzung einer größeren Zahl von Richtern durch Moses selbst. Diese waren offenbar hierarchisch strukturiert und wurden in kleineren Rechtsfällen tätig: "Ich kann euch nicht mehr allein tragen; denn der Herr, euer Gott, hat euch so zahlreich werden lassen, dass ihr heute seid wie die Menge der Sterne am Himmel. Wie kann ich allein tragen eure Mühe und Last und euren Streit? Da nahm ich die Häupter eurer Stämme, weise und erfahrene Männer, und setzte sie über euch als Oberste über tausend, über hundert, über fünfzig und über zehn und als Amtleute für eure Stämme." [5Mo 1, 9 - 15] Priester und Leviten hatten das Volk über die Rechtsvorschriften zu belehren. [2Chr 17, 7 - 9] Klage seitens des Opfers oder seiner Familie konnte nur erhoben werden, wenn mindestens zwei Zeugen vorhanden waren. [vgl. 5Mo 19, 15].

Das grundlegende Rechtsprinzip war die Vergeltung, die bereits aus dem altorientalischen Recht bekannt war: "Entsteht ein dauernder Schaden, so sollst du geben Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß, Brandmal um Brandmal, Beule um Beule, Wunde um Wunde." [2Mo 21, 23 - 25] Auch wenn dieser Grundsatz aus heutiger Sicht sehr brutal erscheinen mag, so bot er auch zwei große Vorteile: Als Rechtsgrundsatz war er einfach zu verstehen und er schützte (!) sogar den verurteilten Täter vor überzogenen Strafen, wie sie Hass und Rache schnell hervorbringen können. Die Strafe sollte im gleichen Verhältnis zu seiner Tat stehen, nicht weniger - aber auch nicht mehr! Daher war - im Unterschied zum assyrisch-babylonischen Recht - eine Bestrafung der Familie des Täters im jüdischen Strafrecht nicht vorgesehen: "Die Väter sollen nicht für die Kinder, noch die Kinder für die Väter sterben, sondern ein jeder soll für seine Sünde sterben." [5Mo 24,16]

Der Strafe kamen mehrere Funktionen zu: Sie ahndete das Vergehen und sollte dem Sünder seine Tat sowie seine Gottesferne bewusst machen. Ihre Durchführung sah man im Auftrag Gottes, dessen Ehre durch die Bestrafung des Täters wieder hergestellt werden sollte. [vgl. Rienecker/Maier, 2010, Sp. 1532] Neben der Verurteilung zum Schadenersatz kannte das Strafrecht auch Geld- und Haftstrafen, den Verkauf in die Sklaverei, die Prügelstrafe sowie die Todesstrafe.

Letztere scheint offenkundig im Widerspruch zum 5. Gebot: "Du sollst nicht töten." [2Mo 20, 13] zu stehen. Doch auch wenn die Gesetzgebung mit dem göttlichen Willen nach Gerechtigkeit verknüpft wurde, so war sie natürlich menschengemacht, basierte auf kulturellen Traditionen und den Kenntnissen über die Rechtsnormen anderer Völker. Zum anderen sah man durch die Bestrafung des Täters - notfalls mit dem Tode - sogar die göttliche Ehre wieder hergestellt - bemühte sich also, diese dennoch mit dem göttlichen Willen zu legitimieren und zu legalisieren. Der gewünschte abschreckende Aspekt - sowohl der Wiedervergeltung allgemein als auch der Todesstrafe im speziellen - wird am Beispiel der Bestrafung einer falschen Zeugenaussage sehr deutlich: Wurde ein Zeuge einer falschen Aussage überführt, hatte er das gleiche Schicksal zu erwarten, dass dem von ihm belasteten Angeklagten im Falle einer Verurteilung gedroht hätte - schlimmstenfalls die Hinrichtung: "Und wenn der falsche Zeuge ein falsches Zeugnis wider seinen Bruder gegeben hat, so sollt ihr mit ihm tun, wie er gedachte, seinem Bruder zu tun, damit du das Böse aus deiner Mitte wegtust, auf das die andern aufhorchen, sich fürchten und hinfort nicht mehr solche bösen Dinge tun in deiner Mitte. Dein Auge soll ihn nicht schonen: Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß." [5Mo, 19, 18 - 21] Diese Bestimmung gleicht der Vorschrift des § 3 im Codex Hammurabi, die falsche Zeugenaussagen in Prozessen, die die Todesstrafe nach sich ziehen konnten, ebenfalls unter Todesstrafe stellte.

Die mosaischen Gesetze sahen die Todesstrafe für eine Reihe von Vergehen vor. So konnte sie verhängt werden für Totschlag, [2Mo 21, 12 und 3Mo 17, 14] Mord, [2Mo 21, 14] Körperverletzung gegenüber den Eltern (auch wenn diese nicht zum Tod führte), [2Mo 21, 15] Menschenraub, [2Mo 21, 16] Beschimpfung der Eltern, [2Mo 21, 17 und 3Mo 20, 9] Zauberei, [2Mo 22, 17] Sodomie [2Mo 22, 18 und 3Mo 20, 15] Kinderopfer [3Mo 20, 2] Ehebruch [3Mo 20, 10] und Inzest [3Mo 20, 11 - 12], Homosexualität [3Mo 20, 13] falsche Prophetie [5Mo, 13, 6] und Verführung zum Götzendienst, [5Mo 13, 7 - 10 und 5Mo 18, 20] Abgötterei, [5Mo 17, 2 - 7] Ungehorsam gegenüber Priestern und Richtern, [5Mo 17, 12 - 13] falsche Zeugenaussage (s.o.) [5Mo 19, 18 - 21] und Ungehorsam gegenüber den Eltern [5Mo 18 - 21]. Für Geschlechtsverkehr der Frau vor der Ehe sowie für Prostitution wurde die Frau mit dem Tode bestraft, [5Mo 23, 20 - 21] während für das Fremdgehen während der Verlobung beide beteiligten Partner hingerichtet wurden [5Mo 23, 23 - 24]. Während der Vergewaltiger einer verlobten Frau hingerichtet wurde, [5Mo 23, 26] musste er im Falle, dass die Frau noch nicht verlobt war, nur eine Geldstrafe bezahlen. [5Mo 23, 28 - 29]

Todesstrafen wurden immer außerhalb der Städte vollzogen. Bekannte Praktiken waren die Steinigung, [z.B. 5Mo 17, 6 - 7] das Verbrennen [z.B. 3Mo 21, 9] sowie die Hinrichtung mit dem Schwert [z.B. 2Sam 1, 15]. Die Kreuzigung, zu der später auch Jesus von Nazareth verurteilt wurde, ist eine Strafe, die erst in römischer Zeit eingeführt wurde.

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6. Griechenland

Die sogenannte "klassische Zeit" der griechischen Geschichte begann etwa um 500 v. Chr. Sie wurde durch die Perserkriege, den Peloponnesischen Krieg sowie den Aufstieg Makedoniens im 4. Jahrhundert v. Chr. geprägt. Zu den politisch und militärisch mächtigsten Stadtstaaten (Polis) zählten Athen und Sparta. Die klassische Zeit endete mit dem Tod des makedonischen Königs Alexanders des Großen 323 v. Chr. Dieser hatte die griechische Welt auf seinen Eroberungszügen bis nach Ägypten, Babylon und bis an den Indus ausgedehnt. Es folgte die Epoche des Hellenismus, in der das von Alexander geschaffene Reich in große, eigenständige Reiche (Diadochenreiche) zerfiel. Aus diesen gingen nach den sogenannten Diadochenkriegen drei politisch stabile Großreiche hervor: das Ptolemäerreich (Ägypten), das Seleukidenreich (Syrien, Mesopotamien, Iran) sowie das Reich der Antigoniden (Mesopotamien; jeweils nach den herrschenden Dynastien benannt). Im 2. und 1. Jahrhundert v. Chr. wurden sie von dem inzwischen zur Großmacht aufgestiegenen Römischen Reich annektiert. Mit Einfluss der Besatzungsmacht gingen auch Änderungen der bisherigen Rechtsordnungen einher.

Mit dem Aufstieg der griechischen Stadtstaaten ab dem 7. Jahrhundert v. Chr. kam es zur Kodifikation der in den Städten gültigen Rechtssysteme. Da jede Stadt eigenständig war, konnten die Gesetze variieren. Aus Athen sind die bedeutenden Gesetzgeber Drakon (7. Jahrhundert v. Chr.), Solon (6. Jahrhundert v. Chr.) und Kleisthenes (6. Jahrhundert v. Chr.) bekannt. Sparta führte seine Verfassung auf den sagenhaften Gesetzgeber Lykurg (Lebensdaten unklar) zurück, dem der Historiker Plutarch (46 - 120 n. Chr.) eine Biographie widmete.

Ziel des Strafrechts wurde es, die bis dahin übliche Selbstjustiz und die Blutrache der Gemeinschaftskontrolle zu unterwerfen. [Hahn 2012] Zwar musste die Strafe zunächst noch immer privat vollstreckt werden, doch zumindest musste ein Gericht diese Handlung zuvor zulassen. [LAK 2, 1993, S. 163]

Je nach Art und schwere des Vergehens kannten die griechischen Strafrechtssysteme unterschiedliche Strafformen. Geldstrafen konnten von der Bußgeldzahlung bis hin zur vollständigen Einziehung des Besitzes des Verurteilten reichen. Ehrenstrafen konnten das Verbot, Schmuck zu tragen oder einen Tempel zu betreten beinhalten. Die Leibesstrafen reichten von der Verbannung über die Inhaftierung, die Geißelung bis hin zur Hinrichtung. [Flacelière, 1979, S. 324 - 325]

In dem von einem Doppelkönigtum geführten Militärstaat Sparta nahmen die Staatsorgane richterliche Kompetenzen war. Die Gerusia, der Ältestenrat, dem auch die beiden Könige angehörten, verhandelte über Kapitalverbrechen und konnte die Todesstrafe verhängen. Diese drohte für Mord sowie für alle Verbrechen gegen den Staat, da diese auch als den Willen der Götter missachtend aufgefasst wurden. Die Ephoren, deren Aufgabe die Überwachung der Könige sowie der Gesetze war, konnten Beamte und sogar die Könige absetzen. Sie verhandelten (gemeinsam mit der Gerusia) u.a. Hochverrat und Amtsmissbrauch. Auf Kriegszügen kamen den Königen, die das Heer führten, richterliche Befugnisse zu. [vgl. Baltrusch, 1998, S. 92 - 93]

Dagegen kannte Athen in seiner klassischen Zeit verschiedene Gerichtshöfe, die allesamt auch strafrechtliche Fälle von Mord und Totschlag verhandeln konnten. Der Areopag verhandelte als oberster Gerichtshof Mord und vorsätzliche Tötung. Vor das Palladion kamen Fälle unfreiwilliger Tötung sowie der Anstiftung zum Mord. Als Strafe konnte es die Verbannung des Angeklagten auf Zeit beschließen. Sofern der Archon Basileus - der oberste für die Leitung der sakralen Angelegenheiten zuständige Beamte - die Tötung für entschuldbar oder sogar für rechtmäßig hielt, kam der Fall vor das Delphinion. Es konnte vorkommen, dass einer bereits wegen Totschlags in die Verbannung geschickten Person ein weiterer Mord angelastet wurde. Dann tagte die Phreattys am Strand des Meeres. Da der noch als schuldig geltende Angeklagte den attischen Boden nicht betreten durfte, musste er sich von einem Schiff aus verteidigen. Morde, in denen es keinen Angeklagten gab, wurden vor dem Prytaneion verhandelt. Hier wurden auch Tiere und Gegenstände verurteilt, sofern sie für den Tod eines Menschen verantwortlich waren. [vgl. Flacelière, 1979, S. 313] Neben Mord und Totschlag konnten auch religiöse Vergehen wie Gottlosigkeit, Tempelraub, Hoch- und Landesverrat mit dem Tode bestraft werden.

Als Hinrichtungsarten waren die Steinigung sowie der Sturz in die Tiefe bereits in der griechischen Frühzeit bekannt. Für letzteres wurde in Athen ein ehemaliger Steinbruch (Barathon) genutzt, der sich westlich der Akropolis befand. Im klassischen Athen kannte man zudem die Möglichkeit, den Verurteilten "auf das Brett zu spannen". Dieses besaß fünf Löcher für den Kopf sowie für die Gliedmaßen. In dieser Zwangshaltung musste der Delinquent nun verhungern und verdursten. Für Hinrichtungen, die im Kerker durchgeführt wurden, war das Gremium der Elfmänner (Hendeka) zuständig. Hier konnte etwa der Schierlingsbecher verabreicht werden, den der Verurteilte zu trinken hatte. Die Schierlingspflanze (Conium) enthält das hochgiftige Alkaloid Coniin, die dem Trank schon in geringer Dosis seine todbringende Wirkung gibt. Es wirkt als Nervengift, führt letztlich zu Muskelkrämpfen und Atemlähmung.

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7. Machtkämpfe um Perikles

Unter Führung des Strategen Perikles (um 500 - 429 v. Chr.) gelang es Athen im 5. Jahrhundert v. Chr. seine außenpolitische Machtposition entscheidend auszubauen. Eigentlich demokratisch verfasst, bekam die athenische Innenpolitik nun eher monarchischen Charakter. Das Amt des Strategen hatte Perikles ab 443 v. Chr. bis zu seiner 430 v. Chr. erfolgten Absetzung ununterbrochen inne. Innenpolitisch sah er sich einer Opposition gegenüber, die mit allen Mitteln versuchte, ihn zu bekämpfen. Dazu griff man ihn nicht nur persönlich an, sondern verfolgte auch die Taktik, seinen Familien- und Bekanntenkreis zu denunzieren.

Der griechische Bildhauer Phidias, dessen Tätigkeit zwischen 460 und 430 v. Chr. belegt ist, hatte von seinem Freund Perikles die Oberleitung der Bauarbeiten am Parthenon, dem Schatzhaus der Akropolis erhalten. Es wurde 438 v. Chr. geweiht. Für die Verzierungsarbeiten wurden 44 Talente Goldblech (ca. 1150 kg) verbraucht. Phidias sah sich einer Klage wegen Veruntreuung ausgesetzt und starb vermutlich im Gefängnis. [LAK 3, 1993, S. 149]

Perikles' zweite, offenbar sehr selbstbewusste und auch mit dem Kreis um den Philosophen Sokrates (hingerichtet 399 v. Chr.) bekannte Ehefrau Aspasia wurde nicht nur als Prostituierte und Bordellbesitzerin verunglimpft, sondern 433/432 v. Chr. sogar wegen angeblicher Gottlosigkeit und Kuppelei angeklagt. Diese Anklage hätte die Todesstrafe nach sich ziehen können, konnte von Perikles jedoch abgewehrt werden. [Kytzler, 1997, S. 36 - 38]

Ferner gehörte der Philosoph Anaxagoras (um 500 - 428 v. Chr.) zum Kreis um Perikles. Er lehnte die Göttlichkeit der Sonne und der Gestirne ab. Stattdessen vertrat er die Meinung, dass es sich bei ihnen nur um glühende Gesteinsbrocken handele. Reichte allein schon seine Lehre für eine Anklage wegen Gottlosigkeit aus, so kam Perikles' Gegnern seine Bekanntschaft mit Perikles natürlich sehr gelegen, um indirekt auch diesen selbst in Misskredit zu bringen. Anaxagoras wurde um 430 v. Chr. angeklagt, konnte jedoch nach Lampsakos fliehen.

Diese Beispiele zeigen sehr deutlich, wie Gerichtsprozesse und Todesstrafe schon in der Antike im politischen Machtkampf instrumentalisiert werden konnten.

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8. Die Verurteilung des Sokrates

Der wohl berühmteste Fall einer Hinrichtung durch den Schierlingsbecher ist der des athenischen Philosophen Sokrates, dessen Bedeutung für die griechische und abendländische Philosophie gar nicht überschätzt werden kann. Seine unbequeme Philosophie, die er auch in seiner persönlichen Lebensführung umsetzte, war der Rechtschaffenheit und der Gerechtigkeit verpflichtet.

Sowohl sein Schüler Platon (427 - 348/347 v. Chr.) als auch der griechische Historiker Xenophon (430 - ca. 354 v. Chr.) berichten von Sokrates Begebenheiten, die nicht nur im Hinblick auf den schon in der Antike problematischen Missbrauch der Todesstrafe von Bedeutung sind, sondern die auch damals schon klar als Unrecht angeprangert wurden. Sokrates bekleidete 406 v. Chr. das Amt eines Ratsherrn (Prytane) und musste am Prozess gegen die Feldherren der Arginusenschlacht teilnehmen. In dieser Seeschlacht des Peloponnesischen Krieges hatte Athen die spartanische Flotte zwar besiegt, doch den Feldherrn wurde vorgeworfen, die Rettung Schiffbrüchiger unterlassen, [LAK 1, 1993, S. 178] nach Platons Apologie, die Gefallenen nicht bestattet zu haben, wozu sie verpflichtet gewesen wären. Allerdings waren sie durch einen Sturm daran gehindert worden. [vgl. Martin, 2009, S. 24 - 29]

Dazu berichtet Xenophon in seinen Memorabilien: "Er [Sokrates; M.S.] war nämlich einmal Ratsherr geworden und hatte den Ratsherrneid geleistet, in dem er geschworen hatte, sein Amt nach den Gesetzen zu verwalten. Als nun das Volk - Sokrates war gerade Vorsitzender geworden - gegen die Gesetze neun Feldherren, den Thrasyllos und Erasinides nebst ihren Amtsgenossen, durch eine einmalige Abstimmung allesamt zum Tode verurteilen wollte, weigerte er sich, die Abstimmung vor sich gehen zu lassen. Zwar zürnte ihm das Volk, und viele der Mächtigen drohten ihm; aber ihm war mehr daran gelegen, seinen Eid zu halten als die Gunst des Volkes gegen Recht und Gerechtigkeit zu erkaufen und sich gegen die Drohungen sicherzustellen." [Memorabilien I, 1; zitiert nach: Martin, 2009, S. 25] Deutlich wird hier auch der Druck, den eine offenbar aufgeheizte, nach Rache und Vergeltung schreiende Volksmenge verursachte. Sokrates' Verweigerung nützte jedoch nichts, denn die Todesurteile wurden verhängt und vollstreckt.

Nach dem 404 v. Chr. verlorenen Peloponnesischen Krieg wurde in Athen eine dreißigköpfige Kommission eingesetzt, um die Verfassung wieder herzustellen. Diese errichtete jedoch ein kurzzeitiges Terrorregime (Zeit der "Dreißig Tyrannen"), in das mit Kritias (460 - 403 v. Chr.) sogar ein Verwandter Platons involviert war. Sokrates berichtet in Platons Apologie: "Nachdem aber die Regierung an einige wenige gekommen, so ließen die Dreißig mich mit noch vier anderen auf die Tholos holen und trugen uns auf, den Salaminier Leon aus Salamis herzubringen, um ihn hinzurichten, wie sie denn dergleichen vieles vielen anderen auch auftrugen, um so viele als irgend möglich in Verschuldungen zu verstricken. Auch da nun zeigte ich wiederum nicht durch Worte, sondern durch die Tat, daß der Tod, wenn euch das nicht zu bäurisch klingt, mich auch nicht das mindeste kümmerte, nichts Ruchloses aber und nichts Ungerechtes zu begehen mich mehr als alles kümmert. Denn mich konnte jene Regierung, so gewaltig sie auch war, nicht so einschrecken, daß ich etwas Unrechtes tat. Sondern als wir von der Tholos herunterkamen, gingen die viere nach Salamis und brachten den Leon; ich aber ging meines Weges nach Hause. Und vielleicht hätte ich deshalb sterben gemußt, wenn nicht jene Regierung kurz darauf wäre aufgelöst worden." [zitiert nach: Martin, 2009, S. 24 - 25]

Was Leon von Salamis überhaupt vorgeworfen wurde, wird zwar nicht erwähnt. Dagegen erscheint aber die Todesstrafe - es ist ausdrücklich vom Ziel seiner Hinrichtung die Rede - bereits in antiken Quellen als Terrorinstrument.

Sokrates selber gab an, stets von einer inneren Stimme (Daimónion) davor gewarnt worden zu sein, etwas Unrechtes zu tun. Da er seinem Ideal der Gerechtigkeit folgte und sich weder juristisch noch politisch für unrechtes Tun missbrauchen ließ, erwies er sich als äußerst unbequem, wodurch er sich nicht nur Freunde schuf. Das gleiche gilt sicher für seine provokanten philosophischen Gespräche auf dem Athener Marktplatz. Das Daimónion wurde ihm 399 v. Chr. zum Verhängnis, indem man ihn der angeblichen Einführung neuer Götter anklagte. Der zweite Anklagepunkt war die angebliche Verführung der Jugend, die in Form seiner Schüler von seiner Philosophie beeindruckt war. Am Ende stand das Todesurteil. Platon - von der Verurteilung seines Lehrers tief erschüttert - hat die Gerichtsverhandlung in seiner Apologie des Sokrates literarisch-philosophisch bearbeitet und lässt ihn v.a. in seinen frühen philosophischen Dialogen als überlegenen Gesprächspartner auftreten.

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9. Das Römische Reich

Die Anfänge der römischen Geschichte lassen sich bis in das 10. Jahrhundert v. Chr. zurückverfolgen. Roms Aufstieg zur Weltmacht erfolgte jedoch erst ab dem 3. vorchristlichen Jahrhundert - begünstigt durch die siegreichen Punischen Kriege gegen Karthago. Einen speziellen Expansionsplan gab es nicht. Zur Zeit seiner größten Ausdehnung im 1. und 2. Jahrhundert n. Chr. beherrschte das Römische Reich den gesamten Mittelmeerraum, Kleinasien, große Teile Westeuropas sowie Britannien bis zum Hadrianswall. Damit stand es aber auch vor enormen Herausforderungen: Die neu eroberten Länder mussten verwaltet, die Wirtschaft organisiert und die unterworfenen Völker regiert werden. Dazu war nicht nur militärische Macht und die Schaffung einer Infrastruktur, sondern auch die Entwicklung eines umfassenden Rechtssystems notwendig, das diese Gebiete in vielfältiger Weise miteinander vernetzte, in das Reich einband und regionale Traditionen dennoch gelten ließ.

Mit dem "römischen Recht" wird v.a. die Rechtsordnung bezeichnet, die zwischen dem 2. vorchristlichen und dem 3. nachchristlichen Jahrhundert entstand. In dieser Zeit entwickelte sich sogar eine eigene juristische Fachwissenschaft mit verschiedenen Rechtsschulen, die für die Antike einzigartig ist. Doch die römische Rechtsgeschichte beginnt bereits früher. Bekannt ist etwa das Zwölftafelgesetz (lex duodecim tabularum), das um 450 v. Chr. entstand. Es trug nach den Ständekämpfen zu Beginn des 5. Jahrhunderts v. Chr. zwischen Patriziern und Plebejern maßgeblich zur Herstellung der Rechtssicherheit bei. Geregelt wurden neben privatem und öffentlichem Recht auch Prozess- und Strafrecht. Zwar waren auch Kapitalstrafen vorgesehen, doch zivilen Strafen scheint man den Vorrang gegeben zu haben. [vgl. Schiemann 2012b]

Während die Gerichte im Falle von Mord und Totschlag bis ins 2. Jahrhundert v. Chr. nur die Aufgabe hatten, die Täterschaft zu ermitteln und es dann der Familie des Opfers überließen, den Täter hinzurichten oder zu versklaven, wurde zur Zeit Sullas (138 - 78 v. Chr.) ein öffentliches Strafverfahren vor einem Geschworenengericht eingeführt. In der römischen Kaiserzeit lag die Strafgerichtsbarkeit beim Kaiser, bzw. bei seinen Beamten und in den Provinzen bei den jeweiligen Statthaltern. Straftatbestände waren Majestätsverbrechen, Ehebruch, Mord, Giftmischerei, Unterschlagung, Fälschung, Körperverletzung, Erpressung, Vergehen bei der öffentlichen Getreideversorgung, Brandstiftung und Menschenraub. Je nach Art und Schwere der Tat konnte das Urteil Geldstrafen, Zwangsarbeit, die Verbannung, die Versklavung oder die Todesstrafe vorsehen. [vgl. LAK 3, 1993, S. 295 - 296]

Jedoch standen auch den Familienoberhäuptern weiterhin strafrechtliche Befugnisse zu. Bis in die Kaiserzeit hinein war es möglich, dass sie gegenüber der Ehefrau, den Kindern und den Sklaven alleine über die Todesstrafe entschieden. Später waren dazu Familiengerichte vorgesehen. [vgl. Neumann/Römer/Schiemann 2012]

Hinrichtungen konnten von Liktoren (Amtsdienern), Soldaten oder Kerkerbeamten durchgeführt werden. [LAK 3, 1993, S. 541] Je nach Art und schwere des Vergehens sowie nach sozialem Status der zum Tode verurteilten Person waren verschiedene Hinrichtungsarten bekannt. Die Enthauptung (decollatio) wurde v.a. freien Bürgern aus höheren Ständen gewährt. Führte man sie in der frühen Republik mit dem Beil durch, vollzog man sie später mit dem Schwert. [Schiemann 2012d, LAK 3, 1993, S. 541] Schiemann weist darauf hin, dass die Enthauptung in der späten Republik v.a. eine militärische Strafe war, die erst unter Kaiser Augustus (63 v. Chr. - 14 n. Chr.) wieder im zivilen Bereich eingeführt wurde. Denn zum Tode Verurteilte hatten mitunter die Möglichkeit, der Hinrichtung durch die Flucht ins Exil zu entgehen. [Gamauf 2012; Schiemann 2012d] Das Erhängen war eine Strafe für begangenen Erntefrevel. [LAK 3, 1993, S. 541] Personen aus niederen Ständen wurden für schwere Straftaten wie Brandstiftung und Hochverrat verbrannt (crematio). [Schiemann 2012c; LAK 2, 1993, S. 541] Wer zur "Strafe nach der Väter Sitte" verurteilt war, wurde zu Tode gepeitscht. [Schiemann 2012b] Lebendiges Begraben drohte Vestalinnen - Tempeldienerinnen der Göttin Vesta - wenn sie ihre Jungfräulichkeit verloren. [LAK 3, 1993, S. 541] Die v.a. in der römischen Kaiserzeit bezeugte Strafe der damnatio ad bestias bestimmte den Verurteilten zum tödlich endenden Tierkampf in der öffentlichen Arena. [Schiemann 2012d]

Auch die Kreuzigung war eine Strafe, die an Personen niederen Standes für schwere Vergehen verhängt wurde. Sie war bereits im alten Orient und in Karthago in Gebrauch und wurde im römischen Recht seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. angewandt. Der Tod des Gekreuzigten trat durch Herz-Kreislauf-Versagen ein. Ein in der Mitte des Pfahls montierter Holzklotz konnte den hängenden Körper stützen und die Leidenszeit verlängern. Manchmal wurden dem Verurteilten jedoch auch die Unterschenkel abgeschlagen, so dass er verblutete und die Leidenszeit verkürzt wurde. [LAK 2, 1993, S. 502]

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10. Die Verurteilung des Jesus von Nazareth

Das wohl bekannteste Beispiel einer Kreuzigung ist die Hinrichtung des Jesus von Nazareth. Zu seiner Zeit wurde sie v.a. als Strafe für Aufrührer in den römischen Provinzen angewandt. [Forgó 2012; Schiemann 2012e; Schiemann 2012f] Bei den Vorgängen fällt auf, dass es kein jüdisches Gericht war, das über die Todesstrafe gegen Jesus entschied. Zwar wollte der jüdische Hohe Rat nach biblischem Bericht seinen Tod, aber man brachte ihn für eine Verurteilung vor den römischen Statthalter der Provinz Judäa, Pontius Pilatus (gest. 39 n. Chr.; Statthalter von 26 - 36 v. Chr.). [vgl. Mt 27, 2; Mk 15,1; Lk 23, 1 - 2; Joh 18, 28 - 29] Denn seitdem Judäa römische Provinz geworden war, oblagen Kapitalprozesse den römischen Besatzungsbehörden, nicht mehr den jüdischen Institutionen. Wollte man Jesus rechtmäßig verurteilen lassen, war man also auf das römische Urteil angewiesen.

Fühlte sich der Hohe Rat unter seinem Hohepriester Kaiphas (um 18 - 37 n. Chr.) v.a. durch Jesus' religiöse Lehre, sein Verhalten gegenüber gesellschaftlichen Randgruppen und "Sündern", sowie durch sein radikales Auftreten etwa gegenüber den Tempelhändlern provoziert (was für eine Verurteilung aber wohl nicht gereicht hätte), so war der für die römische Besatzungsmacht maßgebliche Vorwurf gegen Jesus, "König der Juden" zu sein: "Jesus aber stand vor dem Statthalter und der Statthalter fragte ihn: Bist Du der König der Juden? Jesus aber antwortete: Du sagst es." [Mt 27,11] Dieses Königtum kann natürlich religiös interpretiert werden, aber die römische Seite interpretierte es politisch. Kriegerische Aufstände gegen die römische Besatzung waren nicht neu. Pontius Pilatus scheint die Problematik erkannt zu haben, zumal Jesus beim weiteren Verhör schwieg und keine belastenden Aussagen machte. [Mt 27, 14] Doch die aufgehetzte Volksmenge setzte Pilatus unter Druck und forderte immer wieder Jesus' Kreuzigung. Diesem Druck gab Pilatus nach, obwohl er eigentlich keine Handhabe gegen Jesus gehabt hätte - und wusch seine Hände in Unschuld. [vgl. Mt 27, 22 - 26]

Wenn die biblischen Berichte stimmen, handelte es sich bei Jesus' Verurteilung also nicht nur um einen eklatanten Missbrauch der Todesstrafe zu religionspolitischen Zwecken. Sondern die Begebenheit zeigt auch, wie sehr Rechtsprechung in Kapitalprozessen Gefahr läuft, von der öffentlichen Meinung beeinflusst zu werden, die hier sogar zur Verurteilung einer Person führt, gegen die eigentlich gar nichts vorliegt.

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11. Die Germanen

Die Heimat der germanischen Völker liegt in Mittel- und Nordeuropa. Ihre Gebiete konnten vom Römischen Reich nur teilweise und unter schweren Verlusten erobert werden. Unterworfene germanische Stämme lebten in den beiden römischen Provinzen Germania Inferior sowie Germania Superior. Der Rhein sowie der obergermanisch-rätische Limes sicherte die römische Grenze gegen die im Osten lebenden, freien Völker (Germania Magna).

Germanisches Recht bildete sich erst in der Spätantike und im beginnenden Mittelalter aus. Man unterscheidet zwischen nordgermanischem (Skandinavien, Island) und südgermanischem Recht (Mitteleuropa und Britannien). Letzteres kann in ost- und westgermanisches Recht unterteilt werden. [vgl. LAK, 2, 1993, S. 82]

Auch in diesem Kulturraum galt in älterer Zeit, das Verbrechen im Kreise der Familien auf Basis der dem Hausherrn zustehenden Strafgewalt bestraft wurden. Streitigkeiten zwischen mehreren Familien führten zu Fehden, die man später durch Bußgelder einzudämmen versuchte. Auf dem Thing - der germanischen Volks-, Heeres- und Gerichtsversammlung - wurden Vergehen behandelt, welche die gesamte Gemeinschaft betrafen. [LAK 2, 1993, S. 83]

Verbrechen galten auch bei den Germanen als religiöse Vergehen, so dass man versuchte, die Gemeinschaft durch Bestrafung des Täters zu entsühnen. Todesstrafen konnten bei Mord, Verrat, Diebstahl, Vergehen gegen die Sittlichkeit oder Hexerei verhängt werden. Verräter und Diebe wurden gehängt, Mörder gerädert, Sittlichkeitsverbrecher im Moor versenkt. Bei einer Verurteilung wegen Hexerei drohte der Tod durch Verbrennen. [LAK 3, 1993, S. 541; LAK 2, 1993, S. 83]

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12. Literatur

Bibelzitate basieren auf der Ausgabe:

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